Mittelschritt

[Montagsserie] Die Skala der Ausbildung: Gewöhnungsphase

Veröffentlicht von

Hallo ihr lieben,

im letzten Beitrag haben wir euch eine Einführung in das Thema Skala der Ausbildung gegeben. Heute wollen wir uns mit der Gewöhnungsphase näher beschäftigen.

Die Gewöhnungsphase besteht auch dem Takt, der Losgelassenheit und der Anlehnung. Im Prinzip sind dies auch die drei Grundbausteine der Pferdeausbildung.

Ausbildungsskala
Skala der Ausbildung

Bei der Gewöhnungsphase geht es darum das junge Pferd an den Reiter zu gewöhnen. Von Natur aus haben die Pferde einen gleichmäßigen Takt, eine innere Losgelassenheit und auch einen natürlichen Schwung.

Takt

Wird ein junges Pferd angeritten, muss es sich zuerst an den Reiter gewöhnen und sein Gleichgewicht unter dem Reiter finden. Durch das Finden des Gleichgewichts entwickelt sich auch der Takt. Bei jungen Pferden ist es wichtig den Takt durch das Pferd selber finden zu lassen. Zu Beginn sollte man das Pferd in seiner natürlichen Haltung laufen lassen und das Tempo des Pferdes annehmen. Erst nach und nach versucht der Reiter das Tempo zu regeln und herauszufinden, welches Tempo für das Pferd am besten geeignet ist, um taktsicher und im Gleichgewicht laufen zu können. Wichtig ist aber den Takt eher durch Vorwärtsreiten zu entwickeln. Damit meinen wir nicht das Pferd nach vorne zu jagen und zu forsch zu reiten, denn dann findet es nur schwer sein Gleichgewicht. Aber es sollte nie gehalten oder „rückwärts“ korrigiert werden. Das ergibt sich allein daraus, dass ein Pferd immer von hinten über den Rücken nach vorne an die Reiterhand herangeritten wird. Aber dazu kommen wir später.

Beim Takt handelt es sich um das Gleichmaß, also die Regelmäßigkeit und den Rhythmus, in der das Pferd schreitet, tritt oder im Galopp springt.

Dabei geht es aber auch darum, dass nicht nur die Frequenz der Hufung gleichmäßig ist, sondern die Fußung auch räumlich einen Gleichmaß aufweist. Der einmal gefundene Takt, sollte dann auch bei Tempiunterschieden, Richtungswechsel und in den Lektionen wiederzufinden sein. Im Prinzip ist der Takt die Basis aller Lektionen und Ausbildungsziele und damit das A&O in der Pferdeausbildung. Nur mit einem gleichmäßigen Takt ist das Pferd in der Lage losgelassen und in Anlehnung zu laufen, womit wir dann schon bei den nächsten beiden Punkten der Ausbildungsskala wären.  Durch die Wechselbeziehungen, die die Punkte der Ausbildungsskala vorweisen hat der Takt die höchste Priorität!

Hier mal ein Video, auf dem Dragon einen gleichmäßigen Takt hat und recht losgelassen läuft. Durch die Einwirkung des Longenführers kann der Takt und somit auch die Losgelassenheit gestört werden.

Trainingstipps

Den Takt kann man festigen, in dem man das Pferd viel ins Gelände reitet. Denn dort geht es viel geradeaus und meistens laufen die Pferde zügiger. In der Reitbahn wird der Takt durch die vielen Wendungen gestört und das Pferd hat nicht so einen Vorwärtsdrang. In jedem Fall sollte man gerade zu Beginn große Wendungen reiten, da das junge Pferd die Balance unter dem Reiter erst noch finden muss und jede enge Wendung die Balance stört und damit auch den Takt. Kann sich das Pferd unter dem Reiter ausbalancieren wird der Erhalt des Taktes auch in engeren Wendungen klappen.

Auch Stangenarbeit hilft dabei den Takt des Pferdes zu fördern und das Taktgefühl des Reiters zu schulen.

Denn auch der Reiter selbst hat Einfluss auf den Takt. Der Reiter muss versuchen den Takt des Pferdes zu erspüren und zu fördern. Dabei sollte der Reiter ausbalanciert auf dem Pferd sitzen und harmonisch mit der Bewegung mitgehen, damit dieser den Takt des Pferdes nicht stört. Das Zusammenwirken der treibenden und verhaltenden Hilfen beeinflusst den Bewegungsablauf und damit auch den Takt des Pferdes.

Ihr könnt euch auch selbst überprüfen, ob ihr den Takt des Pferdes erspürt, indem ihr überprüft, ob ihr den Takt eures Pferdes auf einem Video mitverfolgen und auszählen könnt und ob ihr den Takt beim Reiten des Takt des Pferdes laut mitzählen könnt. Spürt ihr vielleicht auch Taktunreinheiten? Bei diesem „Test“ solltet ihr ehrlich zu euch sein. Denn ihr könnt eure Taktsicherheit trainieren. Zum Beispiel könnt ihr die Schritte, Tritte und Sprünge eures Pferdes auf einem Zirkel zählen. Oder ihr sagt immer „Jetzt“, wenn das innere Hinterbein nach vorne geht. Aber auch das Anklopfen an der Schulter beim Abfußen des Pferdes ist eine Übung die das Taktgefühl überprüfen kann. So wird euer Gespür für den Bewegungsablauf geschult und damit auch das Gespür des Taktes.

Losgelassenheit

Um die Losgelassenheit zu erreichen ist ein sicherer Takt Grundvoraussetzung. Allerdings kann ein Pferd ohne eine gewisse Losgelassenheit nicht taktsicher gehen. Durch das gleichmäßige An- und Abspannen der seitlichen Rückenmuskulatur entwickelt sich auch ein gleichmäßiger Atemerhtymus. Daran sieht man, wie eng die Punkte der Ausbildungsskala miteinander verbunden sind und sich einander bedingen.

Die Losgelassenheit zeigt sich durch die innere Losgelassenheit und durch die äußere Losgelassenheit. Zu sehen ist die Losgelassenheit durch eine lockere, unverkrampfte Muskulatur, ein gleichmäßig pendelnder Schweif und dem gleichmäßigen Ein-und Ausatmen und Abschnauben des Pferdes. Weiterhin sind ein zufriedener Gesichtsausdruck, ein erkennbares Muskelspiel der Halsmuskulatur, eine ruhige Maultätigkeit und die konzentrierte Mitarbeit Anzeichen für ein losgelassens Pferd.

Die Losgelassenheit wird erreicht durch einen gleichmäßigen Takt, durch das Vertrauen an den Reiter und durch das Steigern des Gleichgewichtes. Aber auch eine gewisse Anlehnung und die Bereitschaft des vorwärts-abwärts Dehnen des Halses gehören zur Losgelassenheit.

Um die Losgelassenheit zu erhalten, sollte man den jungen Pferden nicht zu viel Stress machen oder überfordern. Denn ein dauerhaft überfordertes Pferd wird keine innere Losgelassenheit erreichen. Deshalb ist das Wechselspiel zwischen positiver Anspannung und Entspannung und der Belastung und Entlastung wichtig.

Ein weiterer Aspekt der Losgelassenheit ist die Freude an der Arbeit. Ein Pferd welches gelangweilt ist oder unmotiviert, wird keine innere Gelassenheit erreichen. Daher ist auch in dieser Phase viel Abwechslung gefragt. Bodenarbeit, Longieren und viel Gelände helfen, die Losgelassenheit zu fördern und steigern gleichzeitig das Vertrauen und die Partnerschaft mit dem Pferd. Denn das Miteinander und Partnerschaft zwischen Reiter und Pferd sind Punkte, die bei der inneren Losgelassenheit eine wichtige Rolle spielen.

Die Losgelassenheit ist Ziel der Lösungsphase und sollte auch während der intensiven Arbeit erhalten bleiben und immer wieder überprüft werden. Denn nur ein losgelassenes Pferd wird Leistungsbereit sein und eine optimale Lernfähigkeit an den Tag legen.

Trainingstipps

Natürlich gibt es nicht den einen Weg die Losgelassenheit eines Pferdes zu erreichen. Aber es gibt verschiedene Dinge, die man ausprobieren kann und die in Kombination zur Losgelassenheit führen. Lösende Übungen helfen dabei, die Losgelassenheit zu erreichen. Zu den lösenden Übungen können zum Beispiel gehören:

  • viele Handwechsel und Hufschlagfiguren
  • Reiten auf gebogenen Linien wie Schlangenlinien durch die Bahn oder Schlangenlinie entlang der Mittellinie oder an der langen Seite
  • korrektes Durchreiten der Ecken
  • Tempiwechsel
  • Übergänge

Im Laufe des Trainings, wenn das Pferd abgeritten ist, können auch weitere Übungen helfen die Losgelssenheit weiter zu verbessern:

  • Zirkel verkleinern und vergrößern
  • Viereck verkleinern und vergrößern
  • Schenkelweichen
  • Schulterherein / Schultervor
  • Volten / Kehrtvolten
  • Außengalopp etc

Eine Übung die Dragon und mir hilft mit den Hilfen durchzukommen und so die Losgelassenheit zu verbessern ist das Reiten eines viereckigen Mittelzirkels in Abwechslung mit einem runden Mittelzirkel. Das war anfangs schwieriger als ich vermutet hätte, funktioniert aber super, da sich das Pferd auf die von mir gestellte Aufgabe konzentrieren und die Reiterhilfe akzeptieren muss. Auch das Reiten in Konterstellung auf gebogener Linie funktioniert gut die Akzeptanz meiner Reiterhilfen zu erhöhen.

Grundsätzlich tragen auch alle Übungen zur Aktivierung der Hinterhand zur Losgelassenheit bei, da das Pferd ja von hinten über den Rücken nach vorne ans Gebiss herantritt. Und das „über den Rücken reiten“ führt zur Losgelassenheit.

Die Losgelassenheit kann überprüft werden, in dem man die Zügel-aus-der-kauen lässt und sich das Pferd nach vorwärts-abwärts an die Reiterhand heran dehnt. Die Zügel haben aber immer noch eine stete Verbindung zum Pferdemaul. Das Aufgeben der Zügelverbindung  ist falsch.

Eigentlich wollten wir euch ein Video mit einer vorbildlichen Losgelassenheit zeigen. Da wir bei unseren beiden Pferden jedoch noch an der Losgelassenheit arbeiten, haben wir mal ein Video herausgesucht, bei dem ihr Übungen sehen könnt, die zur Losgelassenheit führen sollen. In diesem Video mache ich, Claudia, aber noch viele Fehler und die Losgelassenheit ist nicht korrekt, da ich den Zug zum Pferdemaul kaum erreiche.

Wie auch beim Takt ist auch bei der Losgelassenheit der Sitz des Reiters und damit die direkte oder indirekte Einwirkung des Reiters ein wichtiger Faktor. Ein verkrampft sitzender Reiter mit klemmenden Unterschenkeln und einer festen Mittelpositur wird nie ein völlig losgelassenes Pferd haben. Denn dieser blockiert den lockeren Bewegungsablauf des Pferdes. Daher ist es wichtig als Reiter einen korrekten Sitz mit korrekter Einwirkung zu erreichen. Aber auch die innere Einstellung und mentale Losgelassenheit des Reiters ist Voraussetzung für ein losgelassenes Pferd. Das tiefe Ein- und Ausatmen hilft dabei als Reiter innerlich locker zu werden und überträgt sich dabei aufs Pferd. Das Atmen ist eine gute Technik um Stress zu vermeiden. Vielleicht ist euch auch schon aufgefallen, dass eurer Pferd manchmal nicht so gut geht, wenn ihr richtig motiviert auf Pferd steigt, weil ihr gerne etwas ausprobieren wollt und es dann nicht klappt. Oder ihr steigt ohne viel Erwartungen aufs Pferd und euer Pferd läuft super? Das könnte dann an dm vorhandenen oder nicht vorhanden „Stress“ und „Druck“ legen, den ihr euch vom Kopf her selber macht und der sich dann auf euer Pferd überträgt. Mir fällt das bei Dragon besonders auf. Immer wenn ich unbedingt ein Ziel erreichen will, funktioniert das nicht. Akzepetiere ich aber die Tatsache, dass bestimmte Sachen jetzt nicht so schnell gehen und ich Gedult brauche, funktioniert es viel besser.

Dies könnt ihr ja auch mal bei Gelegenheit bei euch überprüfen.

Anlehnung

Über die Losgelassenheit entwickelt sich dann die Anlehnung. Die Anlehnung wird erreicht, indem das Pferd über die vorwärtstreibenden Hilfen die Verbindung zur Reiterhand sucht und an die Reiterhand „heranzieht“, sich also der Reiterhand anbietet. Das ist dass, wenn Claudia immer von „Zug zum Gebiss“ redet. Kurz gesagt ist die Anlehnung die stete, weich federnde Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdemaul. Dabei darf man aber nicht nur die Halshaltung des Pferdes beurteilen, sondern muss das Pferd im Gesamten betrachten.

Diese kann aber nur erreicht werden wenn der Reiter losgelassen und ausbalanciert sitzt und eine vom Sitz unabhängige ruhige Reiterhand hat. Bei der Anlehnung ist der Sitz des Reiters von besonderer Bedeutung, da der Reiter das Pferd aus dem Sitz heraus einrahmt und so die Anlehnung herstellt.

In dem Buch Mind Body Spirit steht auf Seite 87 ein schöner Satz, der das eben beschriebene gut zusammenfasst:

„Die Anlehnung ist eine angenehme und dynamische Kommunikation, initiiert durch den Reiter und gesucht und geschaffen durch das Pferd.“

Damit ist die Anlehnung im Grund die Verbindung des Reiters mit dem Pferd und stützt sich auf das Vertrauen zwischen Reiter und Pferd.

Die Anlehnung in der Gewöhnungsphase muss noch nicht korrekt sein. In der Gewöhnungsphase erreicht der Reiter auch dann eine Anlehnung, wenn das Pferd den Hals vom Widerrist aus fallen lässt und eine Verbindung zum Pferdemaul aufgebaut wird.

Wichtig hierbei ist, dass das Pferd von den treibenden Hilfen und der Hinterhand aus, über den schwingenden Rücken die Anlehnung zur Reiterhand sucht und die Zügelhilfen vom Maul über das Genick, den Hals und den Rücken bis zur Hinterhand weiterleitet ohne durch Spannung zu blockieren, also losgelassen zu reagieren.

In den Richtlinien steht dazu, dass die Verbindung das Finden des gemeinsamen Gleichgewichts unterstützt.

Die Anlehnung wird dem Pferd durch den Reiter gegeben, in dem der Reiter das Pferd mit seinen Zügel-Gewichts- und Schenkelhilfen einrahmt. Dazu gehört auch die Diagonale Hilfengebung auf gebogenen Linien, bei der der Reiter das Pferd mit dem inneren Schenkel an den äußeren Zügel und Schenkel treibt, mit denen der Reiter das Pferd nach Außen hin begrenzt und ihm so eine Anlehnung bietet.

Anlehnung hat also auch etwa mit der Stellung und Biegung zu tun und führt dann zur Geraderichtung und damit zur Entwicklung der Schubkraft, was im nächsten Beitrag thematisiert wird.

Trainingstipps

Um die Anlehnung eines Pferdes zu erreichen, ist es wichtig die Anlehnung von der Hinterhand heraus zu erarbeiten. Es bringt nichts zu versuchen die Anlehnung durch Ziehen oder Riegeln zu erzwingen. Denn das führt zu Druck und Gegendruck des Pferdes, in dem es sich wert und den Unterhals herausstreckt, sich fest macht und blockiert.

Beim Training solltet ihr also versuchen durch das Aktivieren der Hinterhand die Anlehnung zu erreichen. Ihr könnte alle Übungen einbauen, die die Hinterhand aktivieren. Stangenarbeit wäre zur Erarbeitung der Anlehnung eine gute Übung. Stangen auf gebogenen Linien, mehrere Stangen hintereinander usw,. Aber auch das Zulegen und Einfangen führt dazu, dass das Pferd die Hinterhand aktiviert. Beim Zulegen sollte aber immer darauf geachtet werden, dass das Pferd nicht eiliger wird, sondern nur seinen der Rahmen erweitert und den Takt beibehält.

Wenn man die Hinterhand aktiviert, kann man die Hände auch ruhig mal etwa stehenlassen und gegen die stehende Hand herantreiben. Gibt das Pferd dann nach, muss direkt eine nachgebende Zügelhilfe folgen, um dem Pferd zu signalisieren, dass es etwas gut gemacht hat und es führ ihn angenehm ist an die Reiterhand heranzutreten.

Wichtig ist, dass ihr als Reiter zum Treiben kommt und euer Pferd eure Hilfen annimmt. Stellt dem Pferd immer wieder neue Aufgaben und beschäftigt es. Viele Wendungen und Übergänge helfen zum Beispiel besser mit den Hilfen durchzukommen. Aber bitte vergesst nicht, dass das Pferd nur in Anlehnung gehen kann, wenn die Hinterhand aktiv ist.

In dem Video erarbeitet Jule die Anlehnung bei Hiro.

Zusammenfassung

Die Gewöhungsphase wird nicht nur bei der Ausbildung junger Pferde angewandt, sondern ist das Ziel einer jeden Lösungsphase im täglichen Training

Die Punkte der Ausbildungsskala sollten nie als einzelne Punkte betrachtet werden, die nacheinander abgehakt werden. Denn sie bauen zwar aufeinander auf und bedingen einander. Die Wechselwirkung der Punkte zeigt, dass ein Pferd ohne einen gleichmäßigen Takt und ohne Losgelassenheit niemals in Anlehnung gehen kann, wohingegen ein gleichmäßiger Takt ohne eine Gewisse Losgelassenheit und ohne ein gewisses Vertrauen an den Reiter auch nicht möglich ist.

In dem nächsten Beitrag, der in zwei Wichen erscheinen wird, geht es um die Entwicklung der Schubkraft und damit um die Anlehnung, den Schwung und die Geraderichtung.

Ein Kommentar

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*