Trabverstärkung

[Montagsserie] Die Skala der Ausbildung: Entwicklung der Schubkraft

Veröffentlicht von

Hallo ihr lieben,

im letzten Montagsbeitrag ging es um die Gewöhnungsphase mit Takt, Losgelassenheit und Anlehnung. Die Gewöhnungsphase geht anschließend über in die Entwicklung der Schubkraft und setzte sich zusammen aus der Losgelassenheit, der Anlehnung, dem Schwung und der Geraderichtung.

In diesem Beitrag werden wir darauf eingehen, wie die Losgelassenheit die Anlehung, den Schwung und die Geraderichtung beeinflusst. Auch die Anlehnung werden wir nicht mehr so im Detail beleuchten. Hier wird es dieses Mal um die korrekte Anlehnung gehen und wieso die korrekte Anlehnung so wichtig ist. Anschließend werden wir dass den Schwung und die Geraderichtung näher beleuchten.

Ausbildungsskala
Skala der Ausbildung

Anlehnung:

Wie im letzten Monatsbeitrag schon erwähnt ist die Anlehnung die weich federnde Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdemaul. Bei korrekter Anlehnung gewinnt das Pferd immer mehr an Selbsthaltung und wird den Schwerpunkt der Lastaufnahme immer mehr auf die Hinterhand verlegen. Dabei wird die Verbindung zur Reiterhand immer leichter. Die Zügelhilfen stallen dabei das Gegenüber der Gewichts- und Schenkelhilfen dar.

Wichtig ist, dass die Anlehnung durch die Gewichts- und Schenkelhilfen aktiviert, von der Hinterhand aus, über den Rücken zur Reiterhand erarbeitet wird. Nur so entsteht der korrekte „Knick“ und die Oberhalsmuskulatur wird ausgebildet.

Anlehung
Pferd in korrekter Anlehnung mit aktiver Hinterhand

Bei der Anlehnung kommt es nicht alleine auf die optimale Halshaltung an, sondern ist die ganzheitliche Betrachtung des Pferdekörpers. Es kann durchaus mal passieren, dass ein Pferd ein Stück mit der Nasenlinie hinter die Senkrechten kommt oder mit der Nase doch ein bisschen zu weit vor der Senkrechten geht. Diese Pferde können trotzdem eine bessere Anlehnung haben, als ein Pferd welches in die „korrekte“ Halshaltung gezogen wird. Denn diese scheinbar korrekte Halshaltung, wurde nicht aus der Losgelassenheit heraus erarbeitet und führt meist zur Stärkung der Unterhalsmuskulatur und zum „falschen Knick“.

Das Erarbeiten der korrekten Anlehnung gelingt aber nur durch den Erhalt der Gehfreude, der Förderung der Schubkraft wie auch durch die Optimierung des gemeinsamen Gleichgewichts und führt zum Nachgeben im Genick. Mit der Optimierung des gemeinsamen Gleichgewichts ist die Einwirkung des Reiters, insbesondere durch die Gewichtshilfen, gemeint. Dies werden wir aber im Teil der Geraderichtung näher beschreiben

Trainingstipps

Beim Erarbeiten der Anlehnung gibt es verschiedene Übungen. Wichtig ist, dass man „von hinten nach vorne“ denkt und nicht einfach die Halshaltung betrachtet. Dabei sollte man versuchen eine stete und ruhige Verbindung zum Pferdemaul zu halten und das Pferd an die Hand heranzutreiben.

Anlehnung
Hiro in schöner Anlehnung mit Bergauftendenz

Übungen zum Verbessern der Anlehnung sind Tempiunterschiede, auch auf gebogenen Linien wie einem Zirkel und Übergänge. Für die Tempiunterschiede könnte man zum Beispiel ein Pferd in einem fleißigen Arbeitstrab auf dem Zirkel reiten und dann ein paar Schritte (im selben Takt mit derselben aktiven Hinterhand) ganz langsam traben, bevor man das Pferd dann wieder fleißig traben lässt. Das erreicht man zum Beispiel, indem man so tut als würde man durchparieren wollen und bevor das Pferd durchparieren will gibt der Reiter wieder den Impuls zum Vorwärts. Durch diese Übungen aktiviert der Reiter die Hinterhand und das Pferd wird sein Gewicht mit der Zeit mehr nach hinten verlagern. Mehr Gewicht auf der Hinterhand -> mehr Schub -> mehr Rückentätigkeit -> bessere Anlehung. Dasselbe Ergebnis erzielt der Reiter durch Übergänge. Bei den Übergängen ist aber unbedingt darauf zu achten, dass das Pferd immer von hinten nach vorne durchpariert oder angeritten wird. Erst Lastaufnahme auf die Hinterhand, dann durchparieren oder anreiten.

Die Anlehnung kann erst dann erritten werden, wenn der Reiter zum Treiben kommt. Gerade für junge Pferde ist es anstrengend in Selbsthaltung zu laufen, weil sich die Tragkraft erst entwickeln muss. Dann kann es passieren, dass sich die Pferde durch „wegrennen“ entziehen und der Reiter nicht zum Treiben kommt. Hier ist es wichtig, dass der Reiter nicht anfängt das Pferd durch ziehen etc. zu bestrafen. Viel wichtiger ist, dass das Pferd ausreichend Schrittpausen bekommt. In den Arbeitsphasen versucht man dann durch gebogenen Linien, vielen Volten und Kehrtvolten das Pferd an die Hilfen zu bekommen und die Losgelassenheit zu verbessern. Auch das Reiten von ganzen Paraden zum Halten ist eine gute Übung um die Durchlässigkeit zu überprüfen und die Aktivität der Hinterhand zu verbessern.

Schwung

Durch den Schwung wird der natürliche Gang des Pferdes gefördert, den das Pferd ohne den Reiter eigentlich schon hat. Denn durch den Reiter wurde der natürliche Gang erst einmal gestört. Es gilt also, den Gang des Pferdes mitsamt des Reiters wiederherzustellen. Ziel ist ein Pferd, welches sich mit federnden Bewegungen, kraftvoll und aktiv, aber mühelos und locker unter dem Reiter bewegt. Damit dies gelingt gilt es die Rückenmuskulatur zu stärken und ein Gleichgewicht zwischen dem Reiter und dem Pferd herzustellen.

Für den Schwung ist die Anlehnung von allergrößter Bedeutung. Denn nur über ein losgelassenes, in Anlehnung gehendes Pferd kann sich der Schwung überhaupt entwickeln. Gerade der Schwung ist ein Teil der Ausbildungsskala, der man gar nicht einzeln betrachten sollte.

In den Beschreibungen zur Losgelassenheit und zur Anlehnung stand immer wieder der Satz, dass dies über die aktive Hinterhand und den Rücken erarbeitet werden soll.

Schwung
Der Schwung entwickelt sich aus der Hinterhand

Der Schwung ist aber auch nichts anderes als der Impuls aus der Hinterhand auf die Gesamt-Vorwärtsbewegung des Pferdes. Dabei wird der Impuls der Hinterhand (der über die Gewichts-und Schenkenhilfen des Reiters ausgelöst wird) über den schwingenden Rücken in eine raumgreifende Bewegung übertragen und über die Anlehnung an die Hand weitergeleitet.

Daher entwickelt sich bei einem in korrekter Anlehnung gehendem Pferd der Schwung automatisch. Im Prinzip könnte man sagen, dass der Schwung das Ergebnis korrekten Reitens bzw. eines korrekt ausgebildeten Pferdes ist.

Übrigens: Ist euch aufgefallen, dass die Beschreibung des Schwunges der Weg der Parade ist?

Der Schwung drückt sich durch die Schwebephase im Trab und im Galopp aus und im Schritt durch die raumgreifende Bewegung. Werden die Gangarten verstärkt, greift die Hinterhand vermehrt unter den Körper bzw. den Schwerpunkt und gibt einen kraftvolleren Impuls auf die Hinterhand, weshalb der Rahmen des Pferdes erweitert wird, sprich die Gangarten werden raumgreifender, der Schwung entfaltet sich.
Der Raumgriff ist also ein Resultat der Schubkraft und diese das Ergebnis eines kraftvollen Beugens und Streckens von Hüft-Kniegelenken.

Der Schwung ist aber nicht durch die Schwebephase gekennzeichnet, sondern auch durch die Elastizität der Bewegungen und der Bereitschaft des Pferdes. Würde man eine Gleichung aufstellen, wäre Schwung das Resultat aus Kraft und Energie. Dies wiederrum führt zu einer höheren Kadenz im Bewegungsablauf und gleichzeitig zu kraftvolleren und fließenderen Bewegungen. Schwung ist also auch die vermehrte Lastaufnahme und die aktive Hinterhand, was zur „bergauf“-Tendenz der Bewegungen führt.

Schwung
Hiro tritt schwungvoll an die Hand nach vorne – das Genick könnte etwa aufgerichteter sein.

Mit dem Schwung wird die Durchlässigkeit, aber auch das Gleichgewicht des Pferdes verbessert und ist die Grundlage für die spätere Versammlung.

Trainingstipps

Wenn man beim Training am Schwung arbeiten möchte sollte man sich Übungen heraussuchen, die die Rumpfbeuger- und Rumpfstrecker Muskulatur stärken und helfen, die Hinterhand zu aktivieren. Es sollten aber auch Übungen sein, die die Elastizität des Pferdes fördern.

Gerade für den Schwung ist Stangenarbeit hervorragend geeignet. Denn hier wird das Pferd allein schon durch die Stange aufgefordert, aktiv über die Stange zu treten und dabei mit dem Hinterhuf über die Stange unter den Schwerpunkt zu treten. Legt man die Stangen etwas weiter auseinander, so muss sich das Pferd „strecken“ und die Bewegungen werden raumgreifender. Da auch beim Schwung das Ziel ist die Hinterhand zu aktivieren, können auch die Übungen von der Erarbeitung der Anlehnung aufgegriffen werden.

Mittelgalopp
Der Hinterhuf tritt deutlich unter den Schwerpunkt und erweitert dadurch den Rahmen

Weiterhin können Verstärkungen geübt werden. Zum Beispiel reitet man eine Volte in der Ecke und anschließend aus der Ecke heraus im Mitteltrab durch die ganze Bahn wechseln. So kann man die Hinterhand in der Volte noch einmal vermehrt aktivieren, die Last auf die Hinterhand verlagern und die Kraft und das vermehrte Untertreten der Hinterhand beim Erweitern des Rahmens im Mitteltrab nutzen.

Aber auch das Reiten von Schulterherein, Schultervor, Schenkelweichen und Zirkel verkleinern / vergrößern hilft beim Erarbeiten des Schwungs und der Verbesserung der Schubkraft.

Geraderichtung

Wie ein Mensch Rechts- oder Linkshänder ist, gibt es auch beim Pferd eine gute und eine schlechte Seite bzw. eine starke und eine hole Seite, was als natürliche Schiefe bezeichnet wird. Doch vor allem in der Geraderichtung zeigt sich auch das Zusammenspiel zwischen der Einwirkung des Reiters und das Gerittensein des Pferdes. Denn selbst wenn die „natürliche Schiefe“ des Pferdes ausgeglichen ist und der Reiter das Pferd durch die Gewichtshilfen falsch belastet, wird das Pferd nicht geradegerichtet laufen können.

Mit Geraderichtung meint man die Längsachse eines Pferdes. Ziel dabei ist, dass das Pferd die rechte Seite der Muskulatur gleich der Muskulatur der linken Seite ausgeprägt hat. Geradegerichtet ist das Pferd dann, wenn die Hinterhufe auf gerader, wie auch auf gebogener Linien in die Abdrücke der Vorderhufe fußt. Die Geraderichtung ist das Ausgleichen der natürlichen Schiefe und soll vor vorzeitiger Abnutzung bzw. Verschleiß schützen.

Geraderichtung
Geraderichtung: Hufschlagdeckend – auch auf gebogenen Linien

Die Längsachse des Pferdes ist beim Geradeausreiten gerade, beim Reiten auf gebogenen Linien gebogen. So muss auch die Gewichtsverteilung des Reiters auf die Gewichtshilfen sein. Reitet man geradeaus, ist das Gewicht auf beiden Gesäßkochen gleichverteilt.

Beim Reiten in einer Wendung senkt sich das Becken bzw. die Gruppe ab und das Pferd nimmt vermehrt Last auf das innere Hinterbein auf. Daher muss der Reiter beim Reiten in einer Wendung auch den inneren Gesäßknochen vermehrt belasten. Die Gewichtsverlagerung der Gewichtshilfen wird jedoch schon allein durch den verwahrenden äußeren Schenkel in einer Wendung erreicht. In dem Moment, indem ich als Reiter meinen Schenkel eine Handbreit zurücknehme, verlagert sich das Gewicht auf meinen inneren Gesäßknocken und ich wirke automatisch mehr mit dem inneren Bein ein. Das Pferd „biegt“ sich quasi um meinen inneren Schenkel. Beim Erarbeiten der Geraderichtung wird deshalb auch immer gesagt, dass sich das Pferd in der Rippengegeben bewegen soll.

An sich beginnt die Geraderichtung schon recht früh in der Ausbildung eines Pferdes. Jedoch kann die gezielte Geraderichtung erst begonnen werden, wenn das Pferd im Gleichgewicht geht und sich der Schwung entwickelt hat. Mit dem Schwung und der Entwicklung der Schubkraft wird auch die Muskulatur aufgebaut und ausgeprägt, die für das Erreichen der Geraderichtung Voraussetzung sind. Denn nur über einen gleichmäßigen Aufbau der Muskulatur auf der rechten wie auch auf der linken Seite des Pferdes ist die Geraderichtung überhaupt möglich. Mit der Geraderichtung erreicht das Pferd auch die optimale Schubkraft und in Folge eine gleichmäßige Tragkraft.

Trainingstipps

Bei allen folgenden Trainingstipps für die Geraderichtung ist ein losgelassenes Pferd wichtig. Denn nur wenn das Pferd locker und unverkrampft läuft, kann die Muskulatur gezielt trainiert werden. Diese Übungen sind für ein Pferd wirklich anstrengend. Deshalb sollten auch ausreichend Schrittpausen eingelegt und das Pferd immer wieder in Dehnungshaltung geritten werden.

Übungen für die Geraderichtung ist das Reiten auf gebogenen Linien, Schenkelweichen und Seitengänge. Aber auch Zirkel verkleinern und vergößern ist eine schöne Übung, um das Pferd im Rippenbogen „rund zu kriegen“.  Weitere Übungen für die Geraderichtung ist das Reiten in Außenstellung auf dem Zirkel oder Mittelzirkel und viele Handwechsel.

Trabverstärkung
Dragon tritt mit dem inneren Hinterhuf in die Spur des Vorderhufs

Die Variation von verschiedener Übungen in Kombination fördert nicht nur die Geraderichtung, sondern schult auch die Koordination von Pferd und Reiter. Eine Übung mal als Beispiel: Abwenden auf die Mittellinie, Biegung aus der Wendung beibehalten Schulterherein bis X, Volte nach rechts, Biegung und Stellung beibehalten Traversale nach rechts. Beim nächsten Durchgang genau dasselbe linke Hand.

Eine weitere Übung wäre an der langen Seite: Volte in der Ecke, daraus Renvers bis zur Mitte der langen Seite, Volte und aus der Volte heraus Travers bis zum Ende der langen Seite

Es sollte bei allen Hufschlagfiguren und Lektionen auf die korrekte Ausführung geachtet werden. Am besten man versucht zu fühlen, ob der Hinterhuf und die Spur des Vorderhufs tritt. Pferde die in Wendungen „über die innere Schulter fallen“ oder „über den äußeren Schenkel abhauen“ sind nicht korrekt gebogen.

Auch sollte man als Reiter immer wieder seinen Sitz überprüfen und sich fragen:

  • Sitze ich im Gleichgewicht?
  • Belaste ich den richtigen Gesäßknochen?
  • Knicke ich in der Hüfte ein?
  • Liegen meine Beine richtig?
  • Bin ich im Oberkörper gerade?
  • Nehme ich meine Schulter mit?

Denn wenn eines dieser Dinge nicht stimmt, müsste das Pferd das Ungleichgewicht ausgleichen und die Geraderichtung ist gefährdet oder nicht gewährleistet.

Mit der Geraderichtung, durch die die volle Schubkraft erreicht werden konnte, schauen wir uns in unserem Montagsbeitrag die Entwicklung der Tragkraft an.

Viele Grüße,
Eure Zwinkerlinge

2 Kommentare

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*