[Montagsserie] Ausbildungsskala des Reiters T.2 Entwicklung des Sitzes

Veröffentlicht von

Hallo zurück,

weiter geht es mit der Montagsserie: „Die Ausbildungsskala des Reiters„. Nachdem es im letzten Beitrag um allgemeine Inhalte ging, soll es heute spezieller werden. Wir nehmen uns in diesem Beitrag die Punkte unter dem Gesichtspunkt „Entwicklung des Sitzes“ vor. Also auch die Fragestellung was steckt drin, was ist damit gemeint und wie erreiche ich es. Wieder wird es erst einmal um die Theorie gehen. Praktische Übungen speziell auf dem Pferd, am Boden werden erst in der nächsten Zeit dazu erscheinen. Jetzt geht es erst einmal um die theoretischen Grundlagen und Zusammenhänge. 

Ausbildungsskala des Reiters

Allgemein

Allgemein beinhaltet die Thematik Entwicklung des Sitzes die drei Punkte Balance, Losgelassenheit und Eingehen in die Bewegung. Dies ist quasi fundamental für die Weiterentwicklung des Reiters. Das Bewegungsgefühl entwickelt sich anfangs (Balance) grundlegend, verbessert und sensibilisiert sich aber erst so richtig mit der Losgelassenheit des Reiters. Balance, Losgelassenheit und Eingehen in die Bewegung sind zwar gestaffelt, bauen aber einander auf und bedingen sich gegenseitig. Auch die Grundlagen gehören regelmäßig überprüft.

Reiten ohne Sattel

Balance

Ganz Allgemein ist die Balance das Gleichgewicht bzw. Koordination auf dem Pferd. Ziel ist es, dass der Reiter ausbalanciert auf seinem Pferd sitzt. Das heißt, dass erste, was ein Reiter lernt, wenn er auf ein Pferd steigt, ist die Balance auf dem Pferd zu finden. Dies beansprucht besonders unseren vestibulären Sinn. Er ist dafür verantwortlich zu wissen, wo im Raum sich der Körper befindet. Er sorgt auch für eine ausbalancierte Körperhaltung in Ruhe und bei Bewegung . Die Tiefensensibilität auch Propriozeption genannt, sorgt dafür, dass der Körper, also der Reiter Tempounterschiede und die Bewegungen des Pferdes abfedern kann. Er fällt nicht extrem nach vorne kippt nach hinten oder zur Seite. Dies dauert aber eine gewisse Zeit, weil die dafür vorgesehene Kraft erst nach und nach aufgebaut wird. Je nachdem wie viel Sport der Reiter betreibt und wie trainiert er ist. Das ist auch der Grund, warum ein mancher Reiter schneller mal vom Pferd fällt, als ein anderer. Da sind die physikalischen Kräfte der Energie zum Boden einfach stärker, wie die des Körpers. Die Schnelligkeit der Reaktion des Körpers auf unvorhergesehene Bewegungen des Pferdes muss erst angepasst und trainiert werden. Dies ist also gekoppelt mit dem Kraftsinn. Koordination beschreibt also, die Zusammenarbeit vom Zentralnervensystem und der Skelettmuskulatur.

Reiten lernt man nur durch reiten

Dieser Spruch lässt sich hier super anwenden. Denn selbst wenn ich die Theorie kenne, muss mein Körper die Praxis kennenlernen. Um etwas Neues zu erlernen bis es automatisiert geschieht, ich also nicht mehr darüber nachdenken muss, bedarf es 1000 Wiederholungen. Mache ich es aber zwischendrin falsch, dementsprechend länger. Am besten schult man die Balance z.B beim Reiten an der Longe über Sitzschulung. Dabei kann man noch während das Pferd trabt, galoppiert oder über Stangen tritt verschiedenste Übungen einbauen. Das Reiten im Gelände, über Bodenricks, Stangen und Sprüngen oder ohne Sattel hilft ebenfalls dabei, das Gleichgewicht zu schulen und zu verbessern. Auch bergauf und bergab hilft dabei. Gut ist auch der Wechsel der verschiedenen Sitzformen. Denn die sollten vom Reiter irgendwann langfristig gesehen auch beherrscht werden. Also der Dressursitz, Entlastungssitz und Springsitz.

Warum die Balance mit der Losgelassenheit eng verbunden ist, werdet ihr gleich verstehen.

Losgelassenheit

Nicht nur beim Pferd steht die Losgelassenheit an zweiter Stelle, sondern auch beim Reiter. Dies liegt daran, dass es für die Basis von großer Bedeutung ist, aber erst eine wichtige Rolle spielt, wenn der Reiter ein gewisses Maß an Balance mitbringt. Losgelassenheit beschreibt die innere und äußere Entspanntheit. Das heißt, ein Reiter welcher Angst hat, wird nicht entspannt auf dem Pferd sitzen, sondern angespannt. Das bedeutet, dass auch die Muskulatur angespannt ist und, wie im oberen Teil beschrieben, die Kommunikation zwischen Zentralnervensystem (ZNS) und Muskulatur nicht ungestört funktionieren kann. Verkrampft ein Reiter, wird sich die Muskulatur nicht an die unterschiedlichen Bewegungen und Tempis anpassen können. Der Reiter wird unsicher und ist nicht ausbalanciert. Ein gestresster Reiter wird sich nicht oder nur schwer konzentrieren können, ist hektisch oder ungeduldig.  Andersherum wird ein gelangweilter und total müder Reiter keine oder nur wenig Körperspannung aufbringen können, was die Reaktion des Muskels ebenfalls verlangsamt. Wie man sieht, wird die Balance des Reiters erst dann richtig zum Einsatz kommen, wenn der Reiter eine physische und psychische Entspanntheit vorweist. Also ausgeglichen ist. An Tagen, an denen der Reiter merkt dem ist nicht so, sollte auf irgendwelche Experimente beim Reiten an dem Tag verzichten und nur eine entspannte Runde drehen. Auch Atemübungen können dabei helfen. 

Eingehen in die Bewegung

Das Eingehen in die Bewegung ist im Prinzip das Resultat aus Balance und Losgelassenheit und entwickelt sich im Verlaufe immer deutlicher. Je besser der Reiter wird, desto besser wird auch das Eingehen in die Bewegung. Das zählt auch für einen fortgeschrittenen Reiter, welcher das Reiten von Fliegenden Galoppwechsel von Sprung zu Sprung erlernt. Oder ein Springreiter, der plötzlich eine Vielseitigkeitsstrecke überwindet. Je ausbalancierter ich auf dem Pferd sitze, desto besser gelingt es in die Bewegung des Pferdes einzugehen. Dies kann aber eine gewisse Zeit dauern, denn es bedarf einer sensibleren „Einstellung des Muskels“ durch das ZNS. Man muss schon ein wenig geritten sein, sowie schon einiges an Bewegungserfahrung gesammelt haben, um das richtige Eingehen in die Bewegung zu erspüren. Wie in der Grafik „Ausbildungsskala des Reiters“ zu sehen wird der Pfeil zum Bewegungsgefühl bereits „dicker“. Denn das ist von Nöten und entwickelt sich in dieser Stufe bereits deutlicher aus. In diesem Stadium wird es dem Reiter schon deutlich leichter fallen, zwischen den Sitzarten zu variieren. Der Reiter wird auch bei einem kleinen Bocksprung, oder Sprung zur Seite, nicht mehr in „Wohnungsnot“ geraten. Er wird sich durch die Körperreaktion und der Schnellkraft besser an diese Situation anpassen können und diese ausgleichen. Verkrampft der Reiter jedoch oder ermüdet die Muskulatur, wird es ihm schwerer fallen in die Bewegung des Pferdes einzugehen. Blockiert er jedoch aufgrund irgendeiner Situation wie Angst, wird es ihm nicht mehr gelingen. Ein Tipp. Reiten ohne Sattel verstärkt das Gefühl und intensiviert die Impulse vom Gehirn zum Muskel, schult also auch das Eingehen in die Bewegung enorm.

Ausbildungsskala des Reiters

Wieso Eingehen in die Bewegung vor Hilfengebung steht, lässt sich leicht erklären. Denn das Eingehen in die Bewegung stellt die Voraussetzung für die Hilfengebung dar und gehört noch zum Aufbau des Sitzes. Ich kann ja meinem Pferd durch meine Hilfen keine korrekte Anweisung geben, wenn ich in dessen Bewegung nicht herein komme, also eingehe. Will ich angaloppieren muss ich merken wann das Bein abhebt, um den Impuls zur richtigen Zeit zu geben. Möchte ich eine Stange überwinden, wäre es ungünstig wenn ich in dem Moment einsitze, in dem das Pferd mir mit dem Rücken entgegen kommt. Genauso kann ich dann nur schwer die Gewichtshilfen beim Abwenden oder durchparieren geben.  Ein Reiter, welcher gerade erst beginnt, wird natürlich diese Punkte nicht so umsetzten können, wie ein Reiter, der schon 20 Jahre auf dem Pferd sitzt. Aber auch Kindern wird es zu Beginn leichter fallen, als Erwachsenen.

Eingehen in die Bewegung

Fazit

Die ersten drei Punkte der Ausbildungsskala sind besprochen und der Sitz des Reiters hergestellt. Im nächsten Teil, soll es dann um die Entwicklung der Hilfengebung gehen. Habt ihr in diesem Teil etwas vermisst oder noch Fragen, dann schreibt sie einfach unten in die Kommentare. Mehr Literatur dazu findet ihr in dem neuen und aktuellen Band 1 der FN für Reiten und Fahren. Wenn ihr den oberen Teil akribisch gelesen und verinnerlicht habt, dann werdet ihr fest stellen, dass Reiten nicht nur den Körper, sondern auch einen wichtigen Teil des Gehirnes fit hält. Und warum nicht zuletzt auch neurologische Patienten und Kinder in der Frühförderung vom Reiten profitieren können.

Bis zum nächsten Mal. Viel Spaß beim Reflektieren, Üben und Balancieren.

LG, Eure Zwinkerlinge

Ein Kommentar

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*